Innere Entwicklung durch Anthroposophie


Vortrag vom 25. Feb. 2015 in der anthroposophischen Gesellschaft Stuttgart

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

diese Reihe von Vorträgen beschäftigt sich mit dem Lebenslauf des Menschen, seinen Krisen und Entwicklungsmöglichkeiten, und mein Thema lautet ‚Innere Entwicklung durch Anthroposophie’, also eine Entwicklung, die zunächst nicht direkt etwas mit dem Lebenslauf zu tun hat, denn sie kann von einem erwachsenen Menschen jederzeit begonnen werden. Doch wenn man sie einmal beginnt, dann wirkt sie stark auf die eigene Biographie zurück. Das hat jüngst Corinna Gleide in einem Artikel („Der Schulungsweg als Ich-Prozess“ in den ‚Mitteilungen’ vom März 2015) prägnant dargestellt. Frau Gleide beschreibt, dass der anthroposophische Weg zu geistigen Erfahrungen ein Prozess ist, der als eine bewusste Aktivität vom Ich ausgehen muss, und der vom Ich auch zu verantworten ist. Man ist für sein Weiterkommen oder Stehenbleiben und für das, was mit einem in einer anthroposophischen Schulung geschieht, vollständig selbst verantwortlich. Es geschieht auch überhaupt nur dann etwas, wenn man es tatsächlich tut. Der Schulungsweg ist daher zunächst insofern ein Ich-Prozess, als er nur aus Ich-haftem Tun gegangen werden kann. Er ist aber auch deshalb ein Ich-Prozess, weil er das Ich verändert. Man erlangt durch eine anthroposophische Schulung neue Fähigkeiten und Einsichten. Meditieren, oder, wenn man den Ausdruck im weiteren Sinne fasst: anthroposophische Selbstschulung ist also zunächst etwas, das durch und nur durch das Ich geschieht, das vom Ich ausgeht und auf das Ich zurückwirkt. Aber das Meditieren führt nach Rudolf Steiner nur dann zu Ergebnissen, wenn es nicht für mich, sondern für die Welt ist; wenn ich meditiere, um in der Welt besser wirken zu können. Ich verändere mich durch Meditation, und dadurch ändert sich mein Verhältnis zur Welt. Meditieren ist, es liegt schon im Wort, ein Prozess, der auf mein Verhältnis zur Welt wirkt, der zwischen mir und der Welt vermittelt, ein mittlerer und vermittelnder Prozess


Haben oder Sein - vom Wesen des Ich

Betrachten wir zunächst den uns näher liegenden Pol dieses Verhältnisses, das Ich. Was ist das Ich? Es ist ja merkwürdig, dass in der Anthroposophie von ‚dem Ich’ wie von einem Ding gesprochen wird, dass wir von ‚dem Ich des Menschen’ sprechen wie von etwas, das der Mensch hat, wie man z.B. sein Auto hat (manchmal hört man ja, wie jemand zu seinem Auto „Ich“ sagt: Ich stehe da drüben). Johann Gottlieb Fichte meinte, dass die meisten Menschen eher dazu zu bringen seien, sich für ein Stück Lava im Mond zu halten, als für ein Ich. Allerdings sind heute sehr viele Menschen in vieler Beziehung näher am Ich als vor 200 Jahren. – Lassen Sie mich versuchen zu erklären, was ‚das Ich’ ist. Rudolf Steiner schrieb in seinem Buch ‚Die Geheimwissenschaft im Umriss’: „Das eigentliche Wesen des Ich ist von allem Äußeren unabhängig“. Das ist schön und erhaben und schrecklich zugleich. Man könnte es sich auf folgende Art klar machen: Man streiche aus dem eigenen Selbstbild einmal sukzessive alles dasjenige weg, was man bloß hat, aber nicht ist. Den eigenen Leib, die eigenen Gefühle, die persönlichen Bedürfnisse, den Beruf, die Ziele, ja das Selbstbild und die Ich-Vorstellung selbst. Und man streiche auch diejenigen Gedanken, die man nicht gerade neu und gegenwärtig denkt, in denen man nicht aktuell lebt. Alles ablegen, wie Hans im Glück, der einen Goldklumpen erst gegen ein Pferd, dieses gegen eine Kuh, dann Kuh gegen Schwein, Schwein gegen Gans, und schließlich die Gans gegen einen schweren Mühlstein tauschte, welcher ihm schlussendlich in den Brunnen fiel, so dass er, von da an unbeschwert von allen irdischen Gütern, nach hause eilen konnte. Aber wie das Haben eine Last sein kann, so ist das Nicht-Haben auch nicht ganz leicht. Das wahre, lebendige Ich findet sich jedoch nicht im Haben, sondern im Sein. Das bedeutet für das Ich aber auch Einsamkeit und Heimatlosigkeit.

Nun fordert die Anthroposophie zunächst durchaus keine Einsamkeit und Heimatlosigkeit. Man könnte meinen, dass sie sich sogar recht gut mit dem Bewusstseinszustand vereinbaren ließe, der am Haben hängt. Denn sie liefert zunächst „ein Gedankenbild der höheren Welten“ für den Verstand (Theosophie). Wenn man Anthroposophie studiert, erhält man eine Fülle neuer Gedankenbilder von höheren Tatsachen, Wesenheiten und Welten. Allerdings gibt es bald ein Problem. Denn 'Ätherleiber' und 'Astralleiber', 'geistige Individualitäten', 'Elementarwesen', 'hierarchische Wesenheiten', 'Weltentwickelungszustände' sind alles substantivische, substantialistische Begriffe, die in der Gefahr stehen, dass man sie sich viel zu gegenständlich, ja, dass man sie sich überhaupt gegenständlich vorstellt. Sozusagen wie eine „nebelhaft verdünnte Stofflichkeit“ (Theosophie). Das wäre sicherlich falsch. Ernst Haeckel hatte schon über die vergegenständlichende Vorstellung Gottes als eines gasförmigen Wirbeltiers gespottet. Rudolf Steiner schrieb: „Man stellt sich den Eintritt in die geistige Welt viel zu ähnlich einem sinnenfälligen Erlebnis vor.“ (Geheimwissenschaft im Umriss). Und „solange man so etwas erwartet, wird man zu keiner klaren Vorstellung von dem kommen können, was hier mit ‚höheren Welten’ eigentlich gemeint ist.“ (Theosophie\94). 

 

Produktivität und Empfänglichkeit als methodischer Doppelaspekt

Das vergegenständlichende Vorstellen der geistigen Inhalte der Anthroposophie mag allerdings ein hilfreiches Durchgangsstadium sein, denn solche Vorstellungen könnten sich später in existentielle Sicht- und Seinsweisen, in wirkliche geistige Anschauungen verwandeln. Doch muss nicht bei den Gedankenbildern der höheren Welten stehen geblieben werden. Rudolf Steiner hat immer wieder methodische Hinweise gegeben, wie man die Lehren der Geisteswissenschaft verstehen solle, ja, wie man selbst zu geistigen Erfahrungen und Anschauungen gelangen könne. So schrieb er in der 'Theosophie', dass dem „Gedanken eine lebendige Kraft zu Grunde liege“, aus der sich allmählich die unmittelbare geistige Anschauung – wie eine Frucht aus ihrem Keim – entwickeln könne. In der Einleitung zur ‚Geheimwissenschaft’ heißt es, dass man „in dem wahren gedankenmäßigen Aufnehmen der Mitteilungen der Geisteswissenschaft in der geistigen Welt schon drinnen stehe und sich nur noch klar darüber zu werden habe, „dass man schon unvermerkt erlebt hat, was man vermeinte, bloß als Gedankenmitteilung erhalten zu haben“ (GA13\49).

Ich sehe darin zwei wichtige Aspekte: 1., dass dem Denken eine lebendige Kraft zugrunde liegt, und 2. ein Aufmerksamwerden, ein Gewahrwerden dessen, was man im Denken geistiger Tatsachen erlebt oder erleben kann. Das scheint mir ein bedeutsamer methodischer Doppelaspekt zu sein. Eine Kraft ist etwas, das eine Bewegung hervorbringt. Eine lebendige Kraft würde eine Bewegung hervorbringen, in der wie im Lebendigen Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart anwesend wären.  

Erlauben Sie mir nun bitte, Sie zu einem kleinen Selbstversuch anzuregen. Es erscheint mir wichtig, nicht nur über diese Dinge zu sprechen, sondern sie zu beobachten. Allerdings ist es nicht ganz einfach, anschauliche Beispiele zur Beobachtung dieser beiden inneren Aspekte zu finden, und so hat das, was ich Ihnen jetzt zeigen möchte, nicht direkt mit dem Denken zu tun, sondern zunächst mit dem Wahrnehmen. Man beobachtet aber, obwohl wir von Wahrnehmungen ausgehen, doch dieselben Wesensschichten, die auch beim Denken in Frage kommen.

Achten Sie also bitte darauf, was Sie innerlich tun, wenn ich jetzt eine große, rote Spirale an die Tafel zeichne. – Sie konnten eine innere Bewegung beobachten. Und achten Sie nun bitte vor allem auf das Erleben, dass sich ergibt, wenn ich in diese rote Spirale eine zweite, blaue hineinzeichne.  – Es ist eine Art gefühlsmäßiger Spannung, ein empfindungsartiger Zusammenklang wie ein Gespräch zwischen den beiden Spiralen entstanden. 

Wir haben also einerseits die Wahrnehmung einer inneren, plastischen Bewegung. Dem Bild der Spirale, das so entsteht, liegt eine bildende Kraft zu Grunde. Und dann haben Sie zweitens ein inneres Erlebnis, das sich in diesem Fall vor allem durch die Spannung zwischen den beiden Spiralen und durch deren Zusammenklang ergibt, eine Art von, vergleichsweise gesprochen, musikalischem Erlebnis. Wenn man dies genauer untersucht, dann zeigt sich, dass bei allen Bewusstseinsinhalten diese beiden Aspekte des kraftenden Bewegens und des erlebenden Anschauens beteiligt sind. Bewegende Kraft und erlebendes Anschauen spielen im Bewusstsein immer ineinander. Ich möchte das als einen Doppelpfeil verbildlichen; die eine Richtung entspricht einer Tätigkeit des Ätherleibes, die andere einer Beeindruckung des Astralleibes, und in der Begegnung dieser beiden Strömungen entsteht, wie Rudolf Steiner in Vorträgen zur sogenannten Psychosophie (GA115) darstellte, das Bewusstsein.


Anthroposophische Meditation

Was Sie an den gezeichneten Spiralen beobachtet haben könnten Sie auch bloß innerlich in meditativer Weise vollziehen. Dazu ist es gut, wenn man sich einen inneren Raum der Ruhe schafft, in dem eine solche Übung stattfinden kann. Von Arthur Zajonc stammt die schöne Anregung, zu Beginn der Meditation bewusst durch ein inneres Tor der Demut in einen solchen Raum der Ruhe einzutreten, und diesen am Ende durch ein Tor der Dankbarkeit für das, was man erleben durfte, wieder zu verlassen. Man kann sich auch noch vorstellen, dass an beiden Toren ein Wächter steht. Der Wächter am Eingang mahnt, dass in dem zu betretenden Raum Höheres lebt als ich selbst bin, zu dem ich ehrfürchtig aufschauen soll. Der Wächter am Ausgang mahnt: Nutze das Erlebte und Erarbeitete, um ein besserer Mensch zu werden! 

Wenn man dann langsam und konzentriert diese Spiralen vor dem inneren Auge entstehen lässt, wird die Kraft der Bewegung noch viel deutlicher erlebt als im mitgehenden Anschauen. Man kann beobachten, dass man diese Bewegung und durch die Bewegung die Form tatsächlich innerlich hervorbringt. Auch das Erleben der Formen kann man systematisch intensivieren, indem man sich darauf konzentriert, ihren Zusammenklang nicht (nur) als Bild zu sehen, sondern zu empfinden, zu fühlen. Wie das innere Erzeugen des Bildes ein Hervorbringen ist, so ist das erlebende Anschauen ein Empfangen. Konzentriertes Hervorbringen und lauschendes Empfangen sind die beiden Grundgesten des meditativen Lebens. Rudolf Steiner spricht in ähnlicher Bedeutung auch oft von Aufmerksamkeit und Hingabe

In der anthroposophischen Meditation werden diese beiden Aspekte des Bewusstseins systematisch intensiviert. Das Hervorbringen wird bis zu möglichst hoher Konzentration auf einen bestimmten Inhalt verstärkt, und dann wendet man sich möglichst ausschließlich dem empfangenden Erleben des Bildes zu.

Wenn Sie genau beobachten, dann werden Sie das kraftende Hervorbringen der Spiral-Form als eine innere Bildetätigkeit beobachten können, die Sie in allem konzentriert-aktiven Vorstellen und Denken anwenden. Es ist dies die innere Ätherkraft, die dem Denken als Tätigkeit zugrunde liegt. Das Erleben des Inhaltes ist dagegen viel mehr ein empfangendes, gleichsam lauschendes Fühlen, ein wahrnehmendes Fühlen. Es ist dieselbe Tätigkeit, durch die man die Inhalte des Denkens und Vorstellens fühlend versteht.

Man kann das systematisch nacheinander als eine Übungssequenz durchführen, die aber nicht nur aus zwei, sondern insgesamt aus drei Schritten besteht. Das möchte ich Ihnen genauer beschreiben. In innerer Ruhe stelle ich mir zunächst das zu meditierende Bild, also z.B. diese beiden Spiralen vor. Oder ich wähle einen von Rudolf Steiner vorgeschlagenen Meditationsinhalt. Es kommt darauf an, die möglichst ungeteilte Aufmerksamkeit auf diesen Inhalt zu fokussieren. Dabei bringt man den Inhalt kontinuierlich – das heißt immer wieder neu – hervor. Wenn ich das Verhältnis zwischen Ich und Vorstellung zeichne, dann müsste ich das Ich hier [auf der Tafel links] zeichnen, und von dem Ich geht die vorstellende Tätigkeit [Pfeil nach rechts] aus, die jetzt nicht wie im alltäglichen Bewusstsein zwischen tausend Eindrücken zerfasert, sondern eben konzentriert auf einen Inhalt gerichtet ist, ja diesen Inhalt erzeugt. Das Ich und der Inhalt sind also einerseits getrennt: es kann ihn als Vorstellung anschauen; und sie sind doch verbunden, weil das Ich den Inhalt hervorbringt. Ist die nötige Konzentration erreicht, dann schiebe ich in einem nächsten Schritt das vorgestellte Bild weg, und versuche, den Inhalt nur noch fühlend in mir zu erleben. Dadurch verringert sich der Abstand zwischen mir und dem Inhalt. Wir sind jetzt in einem gemeinsamen Raum, aber eben nicht mehr in einem Vorstellungs-, sondern in einem Fühl-Raum. Während das Vorstellen stark im Kopfbereich erlebt wird, merkt man jetzt, dass man mit dem Atem beteiligt ist. Dabei macht man sich das fühlende Erleben durch Gedanken bewusst, die man darauf richtet. Nun kann man in einem dritten Schritt auch noch diese Gedanken weglassen. Also keine inneren Worte mehr, keine Gedanken, aber dennoch bei dem Inhalt bleiben. Man geht sozusagen innerlich bis zu diesem Punkt [links] zurück, an dem aus dem Ich der Inhalt im Willen hervorgebracht wird. An diesem Punkt – er wird nicht als ein räumlicher Punkt, sondern als raum- und zeitlos erlebt – ist das Ich mit dem Inhalt eins, weil er in seinem Willen lebt, weil der Wille ihn hervorbringt. Im gewöhnlichen Bewusstsein ist dieser Quellpunkt,  der Ursprung der Aufmerksamkeit, vollkommen dunkel, in der Meditation hellt sich das Erleben darin allmählich auf.


Das Zusammenfallen von Produktivität und Empfänglichkeit als geistige Wahrnehmung

Und das ist nun die Eigentümlichkeit der oben erwähnten Erkenntnis des eigenen Ich als eines von allem Äußeren unabhängigen Wesens, dass man sich das Ich eben nicht vorstellen kann. Man muss, um das Ich ‚wahrzunehmen’, im Quell der Aufmerksamkeit erwachen. Im Quell des Wollens findet die Ich-Erkenntnis statt. Sie ist ein Erwachen des Willens aus dem Geistigen heraus (Rudolf Steiner).

In der Selbsterkenntnis des Ich, im ‚Ich-bin’, fallen die oben genannten zwei Aspekte, das Produzieren und das Empfangen, tatsächlich ununterscheidbar in Eins zusammen. Indem ich mich denke, schaffe ich mich als ein geistiges, selbstbewusstes Wesen, und indem ich mich geistig schaffe, denke ich mich. Es ist ein bewusster Wille und eine willentliche Bewusstheit. Von ihr sagte Rudolf Steiner, dass sie das Vorbild für alle geistige Erkenntnis sei. „So, wie diese scheinbar ganz leere Bejahung des eigenen Selbst auftritt, so spielen sich alle höheren okkulten Erlebnisse ab. Sie werden inhalt- und lebensvoller, aber sie haben dieselbe Form.“ „Wenn der Mensch beginnt, sich als Schöpfer seiner eigenen Wesenheit zu fühlen, dann betritt er das Gebiet des okkulten Lebens“, heißt es in einem Aufsatz. [1]

Dieses In-Eins-Fallen von Produktivität und Empfänglichkeit, so möchte ich thesenhaft formulieren, ist das, was Rudolf Steiner mit geistiger Anschauung meint. Das In-Eins-Fallen von Produktivität und Empfänglichkeit ist geistige Anschauung. So notierte er einmal, dass man den Augenblick der Erweckung dadurch bezeichnen könne, dass das Denken aktiv, produzierend und der Wille passiv, empfangend werde.

Die geistigen Erlebnisse werden inhalt- und lebensvoller als die Ich-Erkenntnis, aber sie haben dieselbe Form. Man kann sich ja unschwer denken, dass eine solche Doppelbewegung auf ganz verschiedenen Ebenen des Bewusstseins und auch des Lebens stattfinden kann. So ist sie auch im sinnlichen Wahrnehmen vorhanden, indem von mir eine willenshafte Aufmerksamkeit durch die Sinne ausströmt, die ihren Inhalt von außen empfängt. Man kann daher eine ähnliche Übung wie im Denken oder Vorstellen auch im Wahrnehmen vollziehen, eine Wahrnehmungsmeditation. Georg Kühlewind hat das in seinem Buch ‚Wege zur fühlenden Wahrnehmung’ klar beschrieben.

 

Biographische Wirkung des Meditierens

Und nun möchte ich noch einmal auf Corinna Gleides Aufsatz zurückkommen. Sie beschreibt noch eine andere Doppelbewegung. Sie weist darauf hin, dass anthroposophische Geisterkenntnis immer vom Ich ausgeht, vom Ich aktiv getragen wird – was uns nun als geistige Doppelbewegung anschaulich wurde. Aber sie weist auch darauf hin, dass dieser Ich-Prozess, diese selbst verantwortete, produktiv-empfangende Ich-Aktivität nun beginnt, Stufe um Stufe in die Biographie einzutreten. Der Ich-Prozess tritt nicht nur in der Meditation in den Bereich des Fühlens und des Willens ein, sondern auch im Leben. Auch das Empfinden und Fühlen, und vor allem auch der eigene Wille sollen nach und nach immer mehr und mehr vom Ich erfasst oder geleitet und verantwortet werden. Doch da trifft man auf Ungeläutertes, Schablonenhaftes, auf Gefühle, die immer wieder in gleicher Weise ablaufen, auf Ängste und Lähmungen des Willens, auf vieles, was noch nicht voll in die Selbstverantwortung übernommen wird oder werden kann. All das muss nach und nach durchlichtet und verwandelt werden.

Der Vorhang, der die geistige Welt verhüllt, ist, so schreibt Corinna Gleide, aus unbewussten Gefühlen der Abhängigkeit, des Getragenwerdens gebildet, z.B. der Abhängigkeit von anderen Menschen oder des Getragenwerdens von Lebensumständen. Das Ich verlagert Kräfte, durch die es sich selbst tragen sollte (und könnte) nach außen. Der Vorhang kann aber erst dann weggezogen werden, wenn die Kräfte der Selbstverantwortung so stark geworden sind, dass der Mensch sich selbst halten kann. In Rudolf Steiners Worten: Der Mensch betritt erst dann das Gebiet des okkulten Lebens, „wenn er beginnt, sich als Schöpfer seiner eigenen Wesenheit zu fühlen“. Geschieht dies aber, wird der Vorhang tatsächlich weggezogen, so beginnt das sich selbst tragende Ich am Abgrund etwas von seiner wirklichen, geistigen Heimat zu erfahren. Am Ende ihres Aufsatzes schildert Frau Gleide, wie das Ich, das zunächst allein, von allen und allem verlassen am Abgrund steht, erfährt, dass es doch nicht allein, dass es vielmehr mit allem anderen verbunden ist, dass es in Wahrheit und auf geistige Weise die Dinge, das Leben, die Anderen ist. „Das Ich wird von der Heimatlosigkeit in die Verbundenheit mit allem geführt“. Indem das Ich verliert, was es hat, indem es immer einsamer und leerer wird, gewinnt es immer mehr vom eigentlichen Sein der Welt. – Hier hat man die Doppelbewegung im großen, im biographischen Maßstab: Das Ich, das nicht nur in seinem Denken, sondern auch in seinem Fühlen und Wollen zur Selbstverantwortung findet, das Schöpfer seiner selbst und seines Lebens wird, empfängt im Gegenzug die Verbundenheit mit der ganzen Welt. – Nun, das sind große Gedanken, aber es kommt ja, wie gesagt, zunächst einmal darauf an, sich ein Bild der höheren Wirklichkeiten zu erarbeiten. Bis wir sie dann wirklich erleben halten wir es wie Hans im Glück: „So glücklich wie ich, rief er aus‚ gibt es keinen Menschen unter der Sonne. Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter angekommen war.“ Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Christoph Hueck)

 



[1] Rudolf Steiner: Theosophie in Deutschland vor hundert Jahren. GA 35.