Eine Forschungsdatenbank zum Werk Rudolf Steiners

 

Die Akanthos Akademie Stuttgart e.V. hat eine computergestützte Datenbank entwickelt, in der Zitate aus der gedruckten Gesamtausgabe von Rudolf Steiners Werken (GA) abgespeichert und mit Schlagworten versehen und kategorisiert werden können. Die Datenbank basiert auf dem Literaturverwaltungsprogramm "citavi" und ist direkt mit dem Textverarbeitungsprogramm "word" zu verknüpfen. Das Programm kann für ca. 100 € erworben werden, der Zugang zur Datenbank selbst ist nach Anmeldung kostenfrei. Im unten stehenden Artikel werden Hintergründe dargestellt und die wichtigsten Eigenschaften der Datenbank beschrieben. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an Christoph Hueck

 

 

 

»Den Zusammenhang aber müssen Sie selbst entdecken.
Wer es nicht findet, dem hilft es auch nichts, wenn man es ihm sagt.«
(Goethe)

 

Das gedruckte Werk Rudolf Steiners umfasst in seiner bisher erschienenen Form rund 350 Bände, wovon ca. 300 Bände Mitschriften von über 6.000 Vorträgen enthalten, die in einem Zeitraum von rund 21 Jahren gehalten wurden (1903/04-24). Steiner sprach an vielen Orten vor vielen verschiedenen Menschen und behandelte eine Vielzahl von Themen. Themenspezifische Darstellungen ziehen sich oftmals ohne einfach erkennbare Systematik über Jahre hinweg durch das Vortragswerk. Zwar sind die einzelnen Vorträge und Texte so gehalten, dass man sich bei intensiver Beschäftigung in große Tiefen vorarbeiten kann. Dennoch erfährt man immer wieder bedeutende Erweiterungen des Verständnisses, wenn man Darstellungen, die zu anderen Zeiten gegeben wurden, hinzunimmt. Rudolf Steiner beschrieb eine Welt komplexer geistiger Zusammenhänge, in deren Mittelpunkt das Wesen des Menschen steht. Dabei definierte er seine Begriffe nicht, sondern charakterisierte die geistigen Phänomene unter immer wieder neuen Gesichtspunkten.

 

»Diejenigen unter Ihnen, die meinen Vorträgen öfter gefolgt sind, werden das Fehlen von beinahe jeglichen Definitionen bemerkt haben. … Wenn man Dinge, die der Wirklichkeit angehören, verstehen will, namentlich Dinge, die der übersinnlichen Wirklichkeit angehören, dann kann man nicht definieren. Da muss man charakterisieren, denn dann ist es notwendig, die Tatsachen und die Wesenheiten von allen Gesichtspunkten aus zu betrachten.«[1]

 

Die multiperspektivische Schilderung hatte aber auch den Grund, dass sich die verschiedenen Darstellungen gegenseitig beleuchten und tragen sollten, da Anthroposophie nicht äußerlich bewiesen werden kann.

 

»Wer verkennt, dass in dem Augenblicke, in dem die Wissenschaften in die Anthroposophie einmünden, man zu diesem sich gegenseitigen Stützen und Tragen der Wahrheiten kommen muss, der wird den Weg zur echten Erkenntnis nicht finden. Von den schweren Dingen der Erde gilt, dass sie auf dem Boden liegen müssen, um nicht zu fallen; die Weltkörper tragen sich gegenseitig. Die gebräuchlichen empirischen Wissenschaften ruhen auf der Sinneswahrnehmung; die anthroposophischen Erkenntnisse müssen sich gegenseitig tragen.« [2]

 

So findet man Themen wie die Wesensglieder des Menschen, Reinkarnation und Karma, die kosmischen Entwicklungsstufen der Erde, die Bedeutung des Christus-Ereignisses, die Kulturentwicklungsstufen der Menschheit, die Jahrsiebte der Biographie, die Stufen des übersinnlichen Erkennens, Pädagogik, Medizin, Sozial- und Naturwissenschaft u.v.a.m. wieder und wieder ausgeführt. Erstaunlicherweise stößt man trotzdem kaum auf bloße Wiederholungen - Steiner versah seine Darstellungen mit immer neuen Aspekten und Nuancen.

 

»Da ich aber überhaupt nicht liebe mich zu wiederholen, so wähle ich heute den anderen Weg. Wer aber weiß, von wie vielen Gesichtspunkten aus man ein Gebiet der Sinneswelt schildern kann, der wird wissen, dass es ganz dasselbe ist, was ich mit andern Worten [an anderer Stelle] charakterisiert habe.« [3]

 

Aber es gab auch noch andere Gründe für das wiederholte Anführen von Themen:

 

»Ich möchte dazu noch auf etwas aufmerksam machen, aus einer Erfahrung heraus, die ich innerhalb unseres anthroposophischen Lebens recht häufig gemacht habe: dass Dinge, die man einmal sagt, leicht vergessen oder anders erhalten werden, als man sie sagt. … Aus diesem Grunde betone ich manchmal wichtige, wesentliche Dinge ein paarmal, nicht um mich zu wiederholen.« [4]

 

Eine weitere Schwierigkeit im Verfolgen einzelner Themenbereiche liegt darin begründet, dass Rudolf Steiner in einzelnen Vorträgen oft eine ganze Reihe verschiedener Themen behandelte. Die Unübersichtlichkeit der vielen verstreuten Darstellungen stellt ein schwerwiegendes Problem bei der Erforschung von Steiners Werk und Denken dar. Oft ergibt aber erst ein möglichst vollständiger Überblick ein deutliches Bild seiner Auffassung des jeweiligen Themas.

 

So wurden verschiedene Stichwortverzeichnisse und Datenbanken erstellt (Emil Mötteli, Rudolf Steiner online Archiv, Freie Verwaltung des Nachlasses von Rudolf Steiner, Steinerdatenbank u.a.m.). Diese ermöglichen Stichwortsuchen, stellen aber keine inhaltlichen oder systematischen Zusammenhänge zwischen den gefundenen Textstellen her. Bestehende Lexika und Leitfäden (Urs Schwendener, Adolf Arenson, Christian Karl, anthrowiki) ermöglichen themenspezifische Orientierung, enthalten aber nur stichwortartige Überblicke und ausgewählte Zitate Steiners. Darüber hinaus findet man bei gründlichem Vorgehen immer wieder themenrelevante Textstellen, die das gesuchte Stichwort gar nicht enthalten.

Im Gegensatz zum Umgang mit einzelnen Zitaten Steiners ermöglicht die systematische Berücksichtigung möglichst vieler relevanter Textstellen, ein Thema im Sinne Goethescher Phänomenologie als geistigen Metamorphose-Zusammenhang zu erfassen. Durch Vollständigkeit werden oft erst die tiefere Bedeutung sowie die Verbindungen mit anderen Themen wirklich deutlich, ja, durch Vollständigkeit wird ein Thema oft erst evident.[5]

Schließlich ist es für eine vertiefte Anthroposophie-Forschung von Interesse, die zeitliche Entfaltung einzelner Themen im Werk Rudolf Steiners zu untersuchen. Da alle Themen organisch miteinander verbunden sind, ist es für eine werkimmanente Hermeneutik bedeutsam, die Logik und Dynamik ihrer systematischen Entfaltung nachzuvollziehen. Außerdem lassen sich dadurch wichtige Rückschlüsse auf Steiners geistig-biographische Entwicklung gewinnen.

Zur themenspezifischen Bearbeitung des gedruckten Werkes Rudolf Steiners wurde auf der Basis des Literatur-Verwaltungsprogramms citavi eine Datenbank entwickelt, die alle 348 Bände der bisher gedruckten Gesamtausgabe in Form von pdf-Dateien[6] enthält und in der beliebig lange und beliebig viele Zitate markiert, abgelegt und nach unterschiedlichen Themen kategorisiert sowie mit Schlagworten versehen werden können. Außerdem ermöglicht das Programm die direkte Ausgabe der Zitate mit entsprechenden bibliographischen Angaben in ein Text-Verarbeitungsprogramm (MS Word 2010 oder höher), wodurch ein Werkzeug für die Erstellung von zusammenfassenden Texten gegeben ist. Aus einem Text kann man durch Anklicken des Zitats zurück in die Datenbank gelangen, wenn man das Zitat im Zusammenhang des Vortrages nachlesen möchte. Die Datenbank ist online verfügbar, je nach Anmeldung entweder nur mit Lese- oder mit Lese- und Schreibberechtigung.[7] Die Suche nach entsprechenden Textstellen ist in der Datenbank ebenfalls möglich, jedoch in den online verfügbaren Volltextsuchen [8] deutlich einfacher durchzuführen.

Durch die Möglichkeit der systematischen Aufarbeitung können viele Themen aus Rudolf Steiners Werk in ihren weiteren Zusammenhängen erschlossen, dargestellt und vor allem verständlich(er) gemacht werden, Themen, deren Verständnis und Verbreitung die gegenwärtige, nach Spiritualität lechzende und zugleich im technischen Materialismus versinkende Kultur dringendst bedarf. Zitate im Gesamtwerk aufzufinden, zu kategorisieren und abzuspeichern ist dabei nur der erste Schritt. Ohne eine gründliche Beschäftigung mit ihren Inhalten können die Zusammenhänge zu anderen Darstellungen nicht wirklich verstanden werden. Letzten Endes gilt daher auch für die ausgefeilteste Werkanalyse sinngemäß der eingangs zitierte Ausspruch Goethes: Wer die Zusammenhänge nicht im eigenen Erkennen entdeckt und produktiv nachvollzieht, dem nützt es auch nichts, wenn man sie ihm sagt.

 


[1] Vorstufen zum Mysterium von Golgatha. GA 152. Dornach 1990, S. 34, 02.05.1913.

[2] Damit der Mensch ganz Mensch werde. GA 082. Dornach 1994, S. 250, 07.05.1922.

[3] Geisteswissenschaft als Lebensgut. GA 063. Dornach 1986, S. 341, 19.03.1914.

[4] Wiederverkörperung und Karma und ihre Bedeutung für die Kultur der Gegenwart. GA 135. Dornach 1989, S. 42, GA 135 30.01.1912.

[5] Vgl. z.B. Christoph Hueck: Intuition - das Auge der Seele. Die Darstellung des intuitiven Erkennens im schriftlichen Werk Rudolf Steiners. Norderstedt 2016.

[6] Die pdf Dateien stammen von der freien Verwaltung des Nachlasses Rudolf Steiners, fvn-archiv.net/PDF.

[7] Die Verwendung der Datenbank erfordert die Installation des Programms citavi auf dem eigenen Rechner sowie entsprechende Zugangsdaten. Das Eintragen von neuen Zitaten ist anfangs aufwändig, wird aber mit etwas Übung deutlich einfacher. Im Falle eine Schreibberechtigung erhält man eine detaillierte schriftliche Anleitung und telefonische Beratung. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an den Autor unter c.hueck@yahoo.de.

[8] z.B. fvn-rs.net/volltextsuche.html

 

Abb. 1. Bildschirmfoto der citavi GA-Datenbank (hier ein Ausschnitt zum Thema Evolution von Mensch und Tier). Links die Kategorien, in der Mitte Überschriften von einzelnen Zitaten in der zeitlichen Reihenfolge der entsprechenden Vorträge, rechts ein entsprechendes Zitat mit bibliographischen Angaben.

 

Abb. 2. Dasselbe Zitat wie in Abb. 1 im Kontext des Vortrags.