Anthroposophie als Geisteswissenschaft


Rudolf Steiner entwickelte mit der Anthroposophie eine geistige Forschungsmethode, die in der Lage ist, das Geistige im Menschen und in der Welt bewusst zu erkennen und wissenschaftlich zu durchdringen. Die Anthroposophie liefert eine Fülle neuer Begriffe zu Problemen, an denen die materialistisch und positivistisch orientierten Natur- und Geisteswissenschaften aufgrund ihrer Voraussetzungen notwendig scheitern müssen. In der Öffentlichkeit werden die anthroposophischen Begriffe meist noch äußerst argwöhnisch betrachtet, wenn nicht belächelt oder gar ironisch abgekanzelt. Es ist nicht schwer, einzelne, abstrus klingende Behauptungen aus Steiners Werk herauszugreifen. Verloren geht dabei aber immer der Zusammenhang, aus dem sie stammen. Und tatsächlich wird vieles von dem, was Rudolf Steiner darstellte, erst dann verständlich, wenn man die erkenntnistheoretischen und -praktischen Hintergründe berücksichtigt, aus denen solche Aussagen hervorgehen. Dazu bedarf es allerdings (wie bei jeder anderen Wissenschaft auch) einer ausführlichen 

Beschäftigung mit diesen Hintergründen. Die Texte dieser Seite sind aus solcher Beschäftigung hervorgegangen. Sie versuchen für ausgewählte Bereiche zu zeigen, wie einerseits die Anthroposophie einem wissenschaftlich geschulten Denken verständlich werden kann und wie andererseits die anthroposophischen Konzepte grundlegende Fragen der Wissenschaft und des Lebens erhellen und vielleicht sogar beantworten können. Warum sollte es nicht möglich sein, über den Menschen, die Welt und das Leben in neuer Art zu denken und Neues daran zu erleben!

(Christoph Hueck) 




Rudolf Steiner: Vom abstrakten Denken zur Imagination

Das „abstrakte Denken ist nur eine Durchgangsstufe der denkerischen Fähigkeit. Wer es in seiner völligen Reinheit erlebt hat, wer seine Kälte und Kraftlosigkeit, aber auch seine Durchsichtigkeit mit vollem menschlichen Anteil in sich aufgenommen hat, der kann bei ihm nicht stehen bleiben. Es ist ein totes Denken; aber es kann zum Leben erweckt werden. Es hat die Bildhaftigkeit verloren, die es als Traumerlebnis gehabt hat; aber es kann diese wieder erringen im Lichte eines intensiveren Bewusstseins. Von traumhafter Bildlichkeit durch vollbewusste Abstraktion zur ebenso vollbewussten Imagination: das ist der Entwickelungsgang des menschlichen Denkens. Der Aufstieg zu dieser bewussten Imagination steht als Zukunftsaufgabe vor der abendländischen Menschheit. Goethe hat einen Anfang damit gemacht, indem er für das Verständnis der Pflanzengestaltung das Ideenbild der Urpflanze forderte. Und dieses imaginative Denken kann wieder Impulse des Handelns aus sich heraustreiben.“ (Rudolf Steiner: Die Flucht aus dem Denken. GA 36, S. 86-90).